Till in Hongkong
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Freitag, 3. Oktober 2003

Kurztrip in die Innere Mongolei


 

Die Hälfte des Semesters ist zwar noch längst nicht erreicht, da kommen meine ersten und wohl auch einzigen Ferien: Eine Woche um den 1. Oktober – Nationalfeiertag Chinas. Dass irgendwann um diese Zeit Ferien seien würden, war schon länger klar. Wann genau habe ich erst drei Tage vor Beginn erfahren. Die Lehrerinnen wussten das aber auch nicht früher! Wenigstens die Japaner konnten mein Unverständnis darüber teilen.
James (der australische Englischlehrer) hatte mir angeboten für ein paar Tage mit ihm und einer Schülerin von ihm in die Innere Mongolei, eine der größten Provinzen Chinas in der auch noch eine Menge Mongolen leben, zu fahren. Unsere Reiseführerin hat sich den englischen Namen „Sea" gegeben und ihre Oma wohnt in der Stadt Chifeng, die laut meiner Chinakarte etwa so groß ist wie meine jetzige Heimat und in etwa 300 km entfernt. Die Busfahrt sollte 6 Stunden dauern. Viel mehr wusste ich vor Abfahrt nicht - vor allem nicht, warum der Bus so lange braucht und ein Zug sogar über 9 Stunden. Doch das erste sollte ich ziemlich bald auf unseren Busfahrten (insgesamt vier) herausfinden, die ungefähr wie folgt abliefen:

 

Das Busticket hat ca. 3,50 EUR pro Nase gekostet. Dafür haben wir einen Sitzplatz in einem normalen Reisebus bekommen. Es gab einen Fernseher, auf dem später furchtbar übersteuert eine Art Abendshow mit diversen chinesischen Comedians und Sänger zu sehen seien würden. Als wir losfuhren waren alle Plätze belegt; als wir dann etwas weiterfuhren, wurde auch noch der Gang voll gequetscht. Dafür gab es kleine Plastikstühle, die bei uns einen Aufkleber „für Kinder bis 8 Jahren" tragen würden. Der Busfahrer hat bei allen möglichen Menschengruppen, die am Straßenrand standen und die Tür geöffnet. Die Schaffnerin hat dann die Leute zum Teil überredet doch mitzufahren und einen Preis ausgehandelt. Vermutlich ist das Geld für die Leute im Gang zusätzlich verdientes Geld, das sich Schaffnerin und Busfahrer teilen. Zum Glück haben wir durch die vielen Leute nicht alle riskanten Überholmanöver und jedes Kurvengeschneide mitbekommen, das der Busfahrer meinte ausführen zu müssen. Natürlich konnte der voll gepackte Bus nicht viel schneller als 50 fahren, aber es gab genug Fahrzeuge und von Eseln oder Pferden gezogene Karren die langsamer waren. Es gab aber auch genauso gut Vollgeladene LKW, die uns entgegenkamen. Dann war hier und da mal ne Brücke, die noch nicht fertig war, also ging der Weg über irgendeinen staubigen, kurvigen Weg, den zu fahren sich sicherlich kein normaldenkender Europäer getraut hätte – schon gar nicht mit einem voll gepackten Bus.

 

In Chifeng haben wir Seas Oma, Opa, zwei Onkel mit je einem Kind und ihre Mutter kennen gelernt. Der Opa war wohl mal Fabrikvorsteher und hat eine für chinesische Verhältnisse riesige Wohnung mit einem für deutsche Verhältnisse gigantischem Fernseher. Die Mutter hat das Essen zubereitet und jede Hilfe von mir und James abgelehnt. Also haben wir uns (zu zweit) vom Opa im chinesischen Schach (Xiangqi) schlagen lassen. Das Essen war reichlich und gut, ich habe mich mit den in ganzer Form erhaltenen Flusskrebsen etwas schwer getan. (Auch nachdem sie mir gezeigt hatten, wie man die öffnet und was man davon isst). Die beiden Onkel haben mit uns nach chinesischem Brauch Reisschnaps und Bier getrunken. Dabei nimmt keiner der „Säufer" einen Schluck alleine. Sobald einer aus der Runde das Glas erhebt, wird angestoßen. Sagt derjenige dabei „gan bei" (trockenes Glas), wird das ernst genommen und das Glas wird auf Ex getrunken. So waren James und ich ganz froh recht bald von einem der Onkel zum Hotel, bei dem er Rabatt kriegt, gefahren zu werden. 100 Yuan (ca. 10 EUR) für das Doppelzimmer sollte es kosten, und wir sollten uns angucken, ob es das Wert sei. Das war es. Wir haben uns dann noch zwei Bier im hoteleigenen Laden gekauft. Dabei bin ich zum ersten mal für nen Russen gehalten worden. Zunächst etwas befremdlich, aber im Nachhinein verständlich, schließlich ist Russland das nächste Land mit Langnasen.

 

Am nächsten Tag sind wir in aller Herrgottsfrühe mit einem kleineren Bus nach Keshi gefahren. 4 Stunden, gleiches Spiel wie oben beschrieben, kleine Panne, super Landschaft, noch etwas bergig. In Keshi haben wir einen Freund der Familie getroffen, „Onkel" Liu. Er hat einen Minivan und kutschiert von Berufswegen Touristen durch die Gegen und kann ein wenig Englisch. Netter Mann. Er hat uns in die Pampa gefahren, da wo wir hin wollten. 3 Stunden holprige Strassen und nach einiger Zeit weite Wiesen und niemand zu sehen. Ab und zu Mongolische Zelte und kleinere Dörfer. Auf der Fahrt haben wir eine Dampflokomotive gesehen. Nichts wirklich besonderes, würde ich erstmal sagen: So was gibt es in Deutschland auch für die Touristen. Nur war dies ein Güterzug, was eindeutig bedeutet, dass die Leute hier damit nicht nur zum Spaß rumfahren.

 

Warum er meinte uns unbedingt den See zu zeigen, der wohl im Sommer zum Schwimmen geeignet ist, weiß ich nicht. Nur, dass ein verdammt kalter Wind bei Temperaturen um 10 Grad wehte. Die Nacht sollten wir im „Hotel" seines Freundes verbringen. Das ganze sollte das gleiche< kosten, wie das Super-Teil von Hotel in Chifeng. „Keine Heizung?" – „Heizdecken!". „Keine Klos?" – „Über der Strasse die (verdammt dreckige) Gemeinschaftstoilette fürs gesamte Dorf!". Naja, wir hatten keine andere Wahl. Die Nacht war VERDAMMT kalt. Die Heizdecken haben natürlich nicht funktioniert. Die zwei Zudecken nicht gereicht. Aber in Pullover, langer Unterhose und Mütze konnte man es schaffen, sich nicht zu erkälten (ich bin dafür der einzige Beweis in unserer dreiköpfigen Reisegruppe).
 

Am nächsten Morgen konnten wir nen paar mongolische Pferde ausprobieren. Da ich, anders als James und Sea, keine Reiterfahrung besitze und auch kein Bock hatte, mir am Ende der Welt etwas zu brechen, war ich ganz froh, dass der kleine mongolische Junge das Pferd die ganze Zeit gehalten hat. Trotzdem konnte ich das Gefühl der mongolischen Definition von Freiheit spüren und in die Ferne sehen, während ich auf einem Tier sitzen, das um ein mehrfaches stärker und schneller ist als ich.
 

Dann hat uns Onkel Liu zu einem Wohnplatz einer Mongolischen Familie geführt: Zwei Zelte, wie man sie sich vorstellt, und weit und breit nichts. Dort hätten wir das mongolische Frühstück genießen können, wenn die Tageszeit gepasst hätte. Aber es war wirklich gut: Eine Art Joghurt mit einer Art gerösteten Körner und Zucker. Zudem „Milchtee" (schmeckt wie Milch mit ein bisschen schwarzem Tee) und „Milchtofu" (schmeckt ein bisschen wie Schafskäse).
Der Weg zurück nach Jinzhou führte über Chifeng und beinhaltete eine Nacht im selben Hotel und ein (noch besseres) Essen von Seas Mutter. Aus der Familie hatte auch noch keiner einen Trip dieser Art gemacht und so gab es viel zu erzählen.
 
Als ich im Wohnheim ankam wurde ich freundlich von allen begrüßt. Noch bevor ich Duschen ging, habe ich allen meine Fotos gezeigt. Natürlich habe ich in den Ferien noch nicht meine Hausaufgaben für den Kurs erledigt, wie meine Kommilitonen. Dafür habe ich ja noch den Sonntag und die mongolischen Eindrücke waren das auf jeden Fall wert.
 
Am Samstagabend sind wir gemeinsam Essen gegangen. Das klingt harmloser als es ist: Es kamen noch eine Menge Chinesen mit ihren Freundinnen mit. Da musste nur einer auf die Idee kommen, rundenweise Bier auf Ex zu trinken und der Deutsche kann sich mit „ich komme gerade aus dem Urlaub zurück und will heute Abend nüchtern bleiben" nicht rausreden, höchstens die ersten Runden aussetzen. Letzteres hat sich als hilfreich erwiesen, die Japaner noch nach Hause tragen zu können. Ich möchte an dieser Stelle noch mal allen Gerüchten widersprechen, Asiaten können kein Alkohol vertragen. Der Durchschnittsdeutsche würde die meisten Chinesen wahrscheinlich mit Bier unter den Tisch trinken. Allerdings verhindert dieses Auf-Ex-Trinken eine gemütliche Kneipenrunde, wie man sie gewohnt ist. Irgendwann kommt es zwangsweise zu einer Flasche Reisschnaps (kann man nur flaschenweise bestellen). Das ist quasi die Königsdisziplin, in der der gemeine Europäer schon beim „okay, lass mal probieren" verloren hat. Erstaunt hat mich, dass die Freundinnen keineswegs versuchen, ihren Freund etwas zurückzuhalten. Eher feuern sie ihren Herzallerliebsten an. Selbst trinken nur manche nen bisschen was. Ganz im Gegenteil zu den Jungs raucht kein Mädchen. Jedenfalls habe ich weder ein Mädchen, das raucht, gesehen noch einen Mann, der nicht raucht. Das Bezahlen war nach asiatischer Tradition ein Gerangel Besoffener um die Ehre, möglichst viel abdrücken zu dürfen. Im Endeffekt hat wohl jeder einen Anteil bezahlt mit dem sowieso sinnlose, wenn auch mit Nachdruck gegebene, Versprechen der Chinesen, dass wir beim nächsten Mal alle einladen dürfen.
 
Hier noch ein paar Fotos:

Dampflokomotive ganz nah.
 

Hot Shots?
 

Leckeres Chinesisches Essen.
 

Nochn Busfoto.
 

Ein echtes mongolisches Zeltlager.

 

 

 




letzte Änderungen 2003-11-29